Redebeitrag Feministische Demo in Göttingen am 04.06.2009

Zur Weiterführung des Feministischen Frühlings fand am 04.06.09 in Göttingen eine feministische Demo statt, die das antisexistische Festival „Antifee“ einleitete.
Hier unser Redebeitrag zur Demo:


Werte Homo-Genossinnen und –Genossen.
Liebe Trümmertransen, Kampflesben, Arschpiraten, Intersexen und Emanzen.
Liebe Mitperversen und -perversinnen.

Noch vor 65 Jahren wurden Schwule in Deutschland aufgrund ihrer sexuellen Orientierung umgebracht.
Der Paragraph 175 wurde in die postfaschistische Gesellschaft übernommen. Bis ins Jahr 1969 wurden unter dem Paragraph 175 schwule Männer in Zuchthäuser interniert. Erst am 11. Juni 1994 wurde der Paragraph aus dem deutschen Strafgesetzbuch gestrichen.
Vor 19 Jahren, am 17. Mai 1990 wurde Homosexualität von der Weltgesundheitsorganisation von der Liste psychischer Krankheiten gestrichen.

Und seit 1985 gibt es, angefangen mit der Lindenstraße, auch schwule und lesbische Schauspieler_innen im deutschen Fernsehen. Homosexuelle dürfen ganz legal ihre eigenen Demonstrationen und Paraden in großen Städten veranstalten. Und man sieht sogar ab und zu schwule und lesbische Pärchen Hand in Hand durch Fußgänger_innenzonen laufen.

Gerne würden wir verkünden, dass Homosexuellenfeindlichkeit offiziell abgeschafft ist.
Leider müssen wir diesem Irrglauben hiermit offiziell ein Ende setzen.

Trotz einiger Errungenschaften der Homosexuellenbewegung, die vor allen Dingen das Strafrecht betreffen, befinden wir uns in einer zutiefst patriarchalen und damit homosexuellenfeindlichen Gesellschaft.
Nicht gesetzliche oder medizinische Rahmenbedingungen sind alleine ausschlaggebend für das Erleben eines homosexuellen Alltags. Vielmehr sind es hegemoniale Diskurse und die Verfasstheit des postfaschistischen Deutschlands, in dem zunehmend religiöse und konservative Strömungen Zulauf finden.
Die nach wie vor marginalisierte Medienpräsenz von Schwulen und Lesben konzentriert sich auf verpartnerte Schwule, die ein bürgerliches Hetero-Spießerleben führen und auf Frauen, die sich aufgrund ihrer weiblich-emotionalen Veranlagung durchaus auch vorstellen können, mal mit ner Frau zu kuscheln.
Dies versteckt nicht nur alternative schwule und lesbische Lebensweisen, die sich einem monogamen, heterosexuell-angelehnten, affirmativen Lifestyle widersetzen. Hinter dieser Utopie eines toleranten und homo-freundlichen Deutschlands verschwindet auch die Alltagsrealität von Schwulen und Lesben.

Obwohl Homosexualität nicht mehr als Krankheit behandelt wird, gilt homosexuelles Verhalten bei Trans*menschen immer noch als pathologisches Persönlichkeitsmerkmal, das die Anerkennung ihres gewünschten Geschlechts verhindern kann.
Homosexuellen Männern ist es nach wie vor verboten, Blut zu spenden, obwohl jede einzelne Blutspende auf HIV kontrolliert wird.
Homosexuelle haben in einer Partnerschaft die gleichen Pflichten, allerdings nicht die gleichen Rechte wie Heterosexuelle Ehepaare.
Homosexuellen ist es nicht ohne weiteres möglich, ein Kind zu adoptieren. Es ist verboten, lesbischen Pärchen bei der so genannten Insemination, also einer künstlichen Befruchtung zu helfen!
Das Bundesland Bayern hat bis heute nicht offiziell das Entfernen der Rosa Listen bestätigt, einem Register in dem homosexuelle Personen, deren Umfeld und deren Treffpunkte gespeichert sind um bei Ermittlungen gegen sie als gesondertes Täterinnenspektrum vorzugehen!
In Deutschland gilt der so genannte Transvestitismus, also das Tragen von Kleidung, welche nicht zum so genannten biologischen Geschlecht passt nach wie vor als krankhaftes Symptom! Genauso werden Sado-Masochistische Sexpraktiken, Exhibitionismus, Voyeurismus und die Vorliebe für Fetischobjekte beim Sex als krankhafte Störungen der Sexualpräferenz klassifiziert!
Wie passt dies mit der Vorstellung einer so toleranten und modernen Gesellschaft zusammen?
Wie kann es sein, dass vor zwei Wochen in Marburg ein viertägiger homosexuellenfeindlicher christlich-fundamentalistischer Kongress stattfinden konnte? Dort referierten offene pathologische Homosexuellenhasser zum Thema Identität. Darunter Personen wie Christl-Ruth Vonholdt und Markus Hoffmann, Therapeutinnen der Ex-Gay-Bewegung, die davon überzeugt sind, dass Homosexualität die Ursache tiefer emotionaler Verwundungen und Traumata seien und dass Homosexualität heilbar sei?
Hier wird von offizieller Seite auf das Recht auf Meinungsfreiheit plädiert. Doch wir wehren uns gegen dieses Verständnis von Meinungsfreiheit, durch das selbst ernannten Homosexuellenheilern die Möglichkeit geboten wird, Schwule und Lesben zu terrorisieren und sie dazu zu bringen, ihre sexuelle Identität als krank anzusehen. Schwulen und Lesben, die sich in solchen Therapien, befinden wird es von diesen TherapeutInnen verboten, andere Einrichtungen aufzusuchen und jedes Problem ihres Alltags wird auf ihre homosexuellen Empfindungen zurückgeführt.

Wir machten uns mit mehreren Bussen auf den Weg nach Marburg um dort gegen diesen evangelikalen Spinner-Kongress zu demonstrieren. Auf dem Weg dorthin wurden wir von der Polizei angehalten, auf einen Parkplatz gelotst, wo uns PolizistInnen in voller Ausrüstung erwarteten. Sie durchsuchten jede einzelne Person von uns, ließen uns unverhältnismäßig lange warten, filmten uns und unsere Transparente, fotografierten uns, bewachten sogar unsere Toilettengänge und zeigten sich entsprechend respektlos gegenüber der uneindeutigen Geschlechtzugehörigkeit einiger unserer MitfahrerInnen.
Wir fragen uns noch heute: Was soll dieser repressive Mist außer Schikane? Welche Form der Redefreiheit ist es, Homosexuellenhassern ein Forum in Stadthalle und Universität zu bieten und die GegendemonstrationsteilnehmerInnen zu kriminalisieren, Ewigkeiten zu durchsuchen und durch blöde Sprüche wie „Stellt fest was es ist“ als es um das Geschlecht eines Teilnehmers ging, zu schikanieren?

Wir sagen NEIN zu dieser homosexuellenfeindlichen Art der Repression!
Deutschland ist nicht homosexuellenfreundlich! Bloße Lippenbekenntnisse, nicht homophob zu sein, reichen uns nicht!

Über ein Drittel der durch maneo befragten Homosexuellen in Deutschland wurden 2008 betroffen von homosexuellenfeindlicher körperlicher Gewalt. Die Anzahl der verbalen homosexuellenfeindlichen Übergriffe geht über diese zwei Drittel der Befragten hinaus. Drei viertel der Betroffenen gaben an, sich nicht getraut zu haben, die Polizei zu informieren. Eine große Zahl darunter aus negativen Erfahrungen damit in der Vergangenheit.
Doch nicht nur körperliche und verbale Gewalt muss zu den diskriminierenden Ausformungen einer zutiefst patriarchalen und dadurch homosexuellenfeindlichen Gesellschaft gezählt werden.
Bereits der Schritt, sich als Homosexueller outen zu müssen. Der Zwang, der auferlegt wird, sich durch Begriffe wie schwul oder lesbisch als Randfiguren einer heterosexuellen Gesellschaft auszuweisen, ist als Moment der gesellschaftlichen Unterdrückung nicht-heterosexueller Lebensformen zu bezeichnen.
Die einzige Möglichkeit, sich als Schwuler oder Lesbe gegen diese repressive Form der Stigmatisierung Homosexueller zu stellen, ist in unseren Augen, sich genau diese Kategorien, mit denen wir ausgegrenzt werden sollen, anzueignen und mit lesbischwulem Selbstbewusstsein zu sagen: Wir sind da, ihr könnt uns nicht ignorieren und wir scheissen auf Eure heterosexuellen Normen!

Solange auch nur eine homosexuelle Person noch dem Zwang des Outings gegenüber steht, solange auch nur eine homosexuelle Person mit dummen Anmachen konfrontiert wird, so lange kann der Kampf einer politischen Schwulen- und Lesbenbewegung nicht vorbei sein!

Wir zeigen uns solidarisch mit den Schwulen und Lesben, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierungen beschimpft, geschlagen und unterdrückt werden!
Wir lehnen die Berufung auf eine christliche oder muslimische Tradition, die in ihrem Kern homosexuellenfeindlich ist, entschieden ab!
Wir zeigen uns solidarisch mit allen Homosexuellen und Frauen, die in muslimisch geprägten Ländern Angst vor Steinigung, Verbrennen oder Erhängen haben müssen, nur weil sie ficken mit wem SIE es wollen!
Wir stellen uns gegen die Relativierung von homosexuellenfeindlichen Hinrichtungen in der ganzen Welt! Nur weil von unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ausgegangen wird, bedeutet die Tötung Homosexueller aufgrund ihrer Homosexualität immer noch dasselbe!
Wir müssen uns solidarisch erklären mit jenen Schwulen, die trotz der Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung kein akzeptables Bleiberecht in Deutschland zugesprochen bekommen und die Abschiebung in den Iran oder andere Länder, in denen Schwule umgebracht werden, fürchten müssen.
Jede Homosexuellenfeindlichkeit überall ist zu bekämpfen!

Wir rufen auf zur sexuellen Freiheit statt religiösem Wahn und kulturrelativistischer Beliebigkeit!
Kein Platz für Homosexuellenfeindlichkeit und Sexismus!
Für eine emanzipatorische Lesben- und Schwulenbewegung!
Freiheit allen Perversen!